Papua Neuguinea / Louisiaden

1.9.07 - Adrenalinstoß vor Traumkulisse

Leichte Ermüdungserscheinungen stellen sich ein. Wir haben nun genügend Bananen und Papayas, unsere Tauschwaren gehen zu Ende und wir sehnen uns wieder nach einem einsamen Ankerplatz. Sollen wir Panasia wagen, mit der schwierigen Laguneneinfahrt? Die Kulisse soll großartig sein, heisst es. Wir wagen es.  Seit einigen Tagen bläst es kräftig mit gut 25 Knoten und die See ist aufgewühlt, der Himmel bedeckt - schlechte Aussichten für die Einfahrt in eine Lagune. So ist es denn auch. Angeblich soll die nru wenige Meter breite Passage deutlich sichtbar sein. „Links und rechts brechen die Wellen, dazwischen fahrt ihr durch“, so ein wohlgemeinter Ratschlag. Nur was tun, wenn die Wellen überall brechen? Wir drehen ab. Sollte wohl nicht sein. Hilfe kommt mit Chris von der „Lady Bubbly“, der bereits vor Anker liegt. Von innen ist die Einfahrt gut zu sehen und er weißt uns ein. Langsam und mit Herzklopfen tasten wir uns durch. Panasia ist wunderschön. Wir liegen vor der imposanten Steilküste mit kleinem Strand in ruhigem Lagunenwasser.

Panasia ist derzeit unbesiedelt, nur die Gärten von John‘s Familie sind dort. Er stattet uns bald einen Besuch ab und wir erkennen die Unterschiede zwischen den einzelnen Dörfern. John ist ebenso freundlich, doch wesentlich fordernder in seinen Wünschen. Doch er ist okay. Immerhin wandert er mit Alfred zum alten Friedhof und erzählt ihm dabei die Geschichte seiner Vorfahren, die noch Kannibalen waren. „Solange sie uns nicht Dim Sums nennen, ist alles okay“, meint Alfred, als er erfährt, dass wir Weißen hier als Dim dims bezeichnet werden.

Wir erleben wunderschöne Abende und Tage hier, zusammen mit Lady Bubbly und Dreamtime, beide aus Australien. Naja, ein Tag ist nicht so berauschend als die Nacht zuvor, in der wir bei einem ausgedehnten Sundowner unsere Rum-Vorräte aus der Karibik vernichten. Das für den nächsten Tag geplante Race zwischen unseren Tinker Segel-Dinghy und dem Walker Bay Segel-Dinghy von Dreamtime muss wegen Unpässlichkeit der Skipper abgesagt werden.

Foto: Testlauf zur Dinghy-Regatta mit John + Familie im Sailing-Kanu, Alfred im Tinker und Adrian im Walker Bay. Sieger des Testlaufs: John knapp vor Adrian.

Leider müssen wir nach 4 Tagen weiter Richtung Port Moresby. Unser Problem am Baum ist noch nicht behoben und Alfred entdeckt weitere Schlampereien (oder besser Beispiele von Kiwi-Work) von Matrixx Masts. So ist nicht nur die Trägerschraube vom Lümmelbeschlag nicht angezogen worden, es wurden die Köpfe von beim Demontieren abgerissenen Schrauben einfach eingeklebt, um sich die Arbeit eines neuen Gewindes zu sparen.

25.8.07 - Strahlendes Lächeln und blutrote Zähne

Wir wechseln unseren Ankerplatz und fahren nach Pana Numara, einer bewohnten Insel. Zur linken liegt die Blue Lagoon mit ihrem in allen Farben schillerndem Wasser (Zitat aus einem Louisiaden-Cruising Guide), die wir aufgrund zu vieler Wolken und zu viel Wind nicht besichtigen können. Zur rechten streckt sich die Hobe Bay, unser Ankerplatz. Rund 14 Schiffe sind schätzungsweise zur gleichen Zeit wie wir in dem Archipel (200 nm x 50 nm) unterwegs, zwei davon ankern wie wir in Pana Numara. Links vom Ankerplatz liegt das Dorf. Wir werden aufs herzlichste begrüßt, Kinder und Erwachsene strahlen um die Wette - und mit was für einem Lächeln. Die meisten Erwachsenen und teilweise auch Kinder haben knallrote Zähne vom pausenlosen Betelnusskauen. Zusammen mit geriebenem Lime-Stone und Senfsaat färben sie die Zähne rot und entzünden das Zahnfleisch.

Wir fühlen uns Willkommen. Dennoch sind die Dorfbewohner sehr zurückhaltend, manchmal etwas scheu. Auch Isabell und Kilian fühlen sich die ersten Minuten nicht wohl in ihrer Haut und klammern sich an Steffies Sarong. Eine Riesentüte mit Luftballons bricht schließlich das Eis und rund 15 Kinder spielen gemeinsam am Strand.

Wir sind positiv überrascht. Noch gut San Blas in Erinnerung, wo uns vor Porvenir die Kula-Frauen geradezu geentert haben, erleben wir hier die absolute Zurückhaltung. Ab und an kommt ein Kanu heran und fragt, ob wir tauschen möchten. Manche sagen auch nur einfach „hello“. Viele sprechen verständliches Englisch. Unsere Mitbringsel sind begeehrt. So wechseln Küchenmesser, Leinenreste, Nähzeug, Zucker, T-Shirts, Kinderkleidung, Schreibhefte und Stifte, Werkzeuge, Feuerzeuge etc. gegen Papaya, Kokosnüsse, Fisch, Bananen oder kunstvoll geflochtenen Kokosmatten oder den geldwerten Baggi-Ketten den Besitzer. Die Bewohner hier sind für unsere westlichen Vorstellungen arm. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie aus den Gemüsen und Früchten, die sie in ihren Gärten anbauen. Alle anderen Sachen sind schwer zu bekommen. So sind die wenigen Segler, die jedes Jahr die Louisiaden aufsuchen, willkommene Handelspartner.

Anna, die Frau des Pastors, lädt uns für den nächsten Morgen in die Kirche ein. Das schlagen wir natürlich nicht aus. Die wunderbaren Gesänge sind berühmt, schade, wir haben kein Aufnahmegerät dabei. Marc, der Pastor, begrüßt uns und alle Kirchenbewohner schütteln unsere (und wir ihre) Hände. Tags darauf besuchen wir Inosi, Lehrer an der ziemlich neu gegründeten Elemantary School. Inosi und seine Frau besuchen uns abends ab und an auf dem Boot und so erfahren wir einiges über die Lebens- und Sichtweisen der Menschen hier auf Pana Numara. Es ist interessant zu erfahren, dass sie sich Gedanken darüber machen, ob die Segler verschreckt werden, wenn zu viele Kanus zu den Schiffen fahren. Sie organisieren ein Fundraising-Festival für die Schule, eigens für die Segler, denn andere Touristen gibt es nicht, und überlegen, einmal jährlich ein Kulturfestival aufzuziehen - ein sehr fortschrittliches Denken in einer Umgebung ohne Strom, fließendem Wasser und Licht.

Wir besuchen die örtliche Schule und werden anschließend von Anna zu einem Schwatz auf die Terrasse ihres Hauses eingeladen.

Foto: Anna und Mark, seit 5 Jahren Pastor auf Pana Numara.

Kilian jagt die Dorfschweine und Isabell spielt mit Yvonne, Inosis Tochter. Anna, Mark und Sr. Jane, die alle zusammen unter einem Dach leben, schlachten für uns ein Huhn als Dankeschön. Wir hatten die mangels Regen leeren Wassertanks mit frischem Trinkwasser aufgefüllt. So sitzen wir alle zusammen im Haus der Familie und essen Hühner-Kebab, Yams, Taro und gekochtes Huhn. Nur Mark und die Kinder essen mit uns, die Frauen sehen zu. Für uns ein unbequemes Gefühl und wir sind uns nicht sicher, ob wir uns wirklich erwartungsgemäß benommen haben. Ins Haus eingeladen zu werden, ist eine große Ehre. Wir bedanken uns mit einer Gegeneinladung zu Nudeln mit Sauce Bolognese. Unsere Küche ist ihnen fremd, doch sie halten tapfer durch. Anschließend sehen wir uns „Nemo“ auf DVD an. Alle sind total begeistert. „Oh, dear!“ schreit Sr. Jane immer wieder, als beispielsweise Bruce der Hai vor Marlin auftaucht.

So pflegen wir ein sehr soziales Leben in einer wundervollen Bucht. Man trifft sich zum Sundowner auf den anderen oder unseren Booten oder zum Beach-Barbecue zusammen mit den anderen Booten und den Einheimischen, die Steffies Hühnerkebaps und den Instant-Nudel-Salat mit süsser Chili-Sauce in wenigen Minuten verdrücken. Uns bleiben Yams, Bananenfritters und  der gegrillte Fisch von „Lady Bubbly“.

Wir fühlen uns erneut wie im Paradies. Die Schattenseiten zeigen sich, als zwei Kinder als vermisst gemeldet werden. Da der Dorf-Aussenborder von Pana Numara nicht mehr genügend Benzin hat, spenden wir 20 Liter für die Suche. Man lässt uns im Unklaren darüber, ob die Kinder von hier oder von einer anderen Insel sind. Man habe das umgedrehte Kanu gefunden, heisst es, und müsse nun dringend nach Moturina, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nicht um die Kinder zu suchen? Wir sind ratlos. Morgen werde nach den Kindern gesucht, sagt man uns am Abend. Es verdichten sich aber die Gerüchte, dass die Kinder (ca. 6 und 10 Jahre) festgehalten werden, um einen Landdisput auszutragen. Doch diese Variante fällt unter „internal affairs“ und ist nicht für die Segler bestimmt.

22.8.07 - Der Anker fällt

Hallo, Louisiaden, hier sind wir. Große Erwartungen prägen unsere Ankunft. Anna, die uns derzeit begleitet, war vor 12 Jahren schon einmal dort und berichtet nur das Beste, wie alle anderen Seglern, die wir treffen und die schon einmal dort waren. Jeder schwärmt in den höchsten Tönen von dem noch unverdorbenen Revier. Und tatsächlich, als unser Anker bei Kululuba Island direkt hinter der Riffeinfahrt fällt, fühlen wir uns wie im Paradies. Üppig bewachsene Inselchen mit strahlend weißem Strand, im Vordergrund unser privater Swimmingpool mit glasklarem, türkisen Wasser - alles nur für uns allein. Was will man mehr. Als plötzlich ein Boot mit 40 PS Außenborder und 6 halbstarken Locals ankommt, befürchten wir, die Zivilisation hat hier doch schon deutliche Kerben geschlagen. Wo sind die berühmten Segelkanus, mit denen hier wohl alle fahren? Immerhin, die Jungs bringen uns zwei Lobster und gegen 4 T-Shirts und 1 Flasche Coke werden wir handelseinig. Nach einem kurzen Bordbesuch verlassen sie uns wieder und das Paradies ist erneut unser.

Foto: Steffie‘s Friseursaloon, Kululuba Island, Louisiade Archipelago, PNG.

14.8.07 - Überfahrt in die Louisiaden

„Ich bin immer wieder froh, wenn wir lossegeln. Ich freue mich aber auch immer aufs Ankommen“, zitieren wir mal unseren Skipper. Die Zeit dazwischen hat ihre schönen und weniger schönen Momente. Letzteres überwiegt auf der Passage von Neukaledonien nach Papua Neuguinea. Kurz vor den Chesterfield Inseln, die wir uns auf dem Weg nach PNG (Papua Neuguinea) noch ansehen wollten, hat sich unsere Genua an der Rollanlage oben am Mast so verhakt, dass sie sich nicht mehr einrollen lässt. Zwangsweise segeln wir also mit dem halben Tuch, ein ungutes Gefühl bei Winden von 25-30 Knoten, ziemlichem Schwell und in mitten der diversen Untiefen des Chesterfield Riffs. Selbst back-stehend machen wir noch gut 3 kn Fahrt. Wir entscheiden wir uns weiterzufahren in sicherere Gewässer mit mehr Manövriermöglichkeit, bis hoffentlich Wind und Schwell soweit nachlassen, dass Alfred den Mast hochklettern und das Problem beheben kann. Der Schwell bleibt, aber wir schaffen es bei weniger Wind die Genua manuell einzurollen und notdürftig festzusetzen. Doch kaum mäßig erleichtert hängen einige Schrauben nur noch lose am Lümmelbeschlag des Großbaums und damit ein mehrere hundert Kilo schwerer Baum drohend über uns. „Kiwi-Work“ meint Alfred lakonisch, als er die bei der Montage des Riggs einfach nicht genügend festgedrehte Fixierungsschraube als Ursache erkennt.

 

Foto: Ruhiger Ankerplatz in der Lagune von Panasia.