Jemen

5. bis 22. März 2008. Ganz 17 Tage hatten wir es in einem Land ausgehalten, das wir eigentlich gar nicht besuchen wollten. Nur Aden war eingeplant, als kurzer Stopp zum Auftanken und Einkaufen. Doch üblicherweise kommt es anders als geplant. Jemen war einer unserer Höhepunkte auf dieser Reise. Die Freundlichkeit der Menschen war beeindruckend: „Willkommen in Jemen!“, „Wie gefällt Ihnen Jemen?“, hörten wir einige Male. Einer nahm Kilian plus kaputtem Schuh mit zum Schuster für eine kostenlose Reparatur, einfach so. Jemen war auch das erste Land, in dem wir unser Dinghy abends nicht aufs Deck zogen. Die Menschen hier waren ehrlich und man musste nicht befürchten, dass am Morgen der Außenborder fehlte.

In Al Mukalla, unserem ersten Hafen, fühlten wir uns wie in Tausend und einer Nacht. Die Männer in Wickelrock und Sakko, oft noch den Dolch im Gürtel, die Frauen in der schwarzen Abaya (schwarzer Übermantel), nur die Augen waren zu sehen. Ab mittags sahen die Männer aus, als hätten sie einen Tischtennisball in der Backe. Man kaut hier Quat, eine grüne Pflanze, die auf einem speziellen Quat-Markt verkauft wird. Das Kraut wird in der Backentasche gesammelt. Über mehrere Stunden hinweg wächst es dort zu einer großen Kugel. Angeblich wird die Masse sogar über mehrere Tage hinweg „gesammelt“. Wir konnten uns das Lachen kaum verkneifen, als wir in einem Geldwechsel-Büro waren und uns hinter den drei Bankschaltern drei seriös gekleidete Männer mit dicker Hamsterbacke entgegenblickten.

Foto: Alfred testet Quat.

Tradewind und Uhuru warteten in Al Mukalla auf uns und die Kids waren glücklich, ihre Freunde wieder zu sehen. Auch Llevame ankerte hier, ein Trimaran, den wir zuletzt 2006 in Tahiti gesehen hatten. Nachdem einige mit Durchfall kämpften, blieben wir auf der sicheren Seite, bei den Grillhähnchen. Wie sehr wir die vermissten, wussten wir erst, als wir hier endlich wieder welche bekamen - super lecker mit knuspriger Haut und saftigem Fleisch. Da ließ sich leicht das fehlende Bier verschmerzen. Logischerweise gab es keine Brezen, statt dessen eine Riesenscheibe Brot, die eher einem breitgetretenem Kuhfladen ähnelte. Es wurde über offenem Feuer in einer Tonne aus Beton gebacken, an deren Innenrand der Teig klebte - wenige Minuten später war das Brot fertig. Kilian und Robin starteten einen Lieferservice und brachten den Booten am Ankerplatz jeden Morgen frisches Baguette, das direkt von einer französischen Bäckerei hätte kommen können, so lecker war es. Steffies Geburtstag feierten wir dann zusammen mit unseren Seglerfreunden im Holiday Inn, da wir Alkohol verdorbene Westler doch etwas Wein oder Bier zum Anstoßen haben wollten. Hier durften wir zumindest unsere eigenen Wein– und Bierbestände mitbringen. Sogar einen Korkenzieher trieben sie für uns auf. Am letzten Abend aßen wir wieder lokal, auf einer Verkehrsinsel, die mit Stühlen und Tischen ausgestattet war. Einen Meter neben uns rauschte der Stadtverkehr vorbei, auf der anderen Seite saßen Männer auf großen Bastteppichen und verfolgten gespannt ein Fußballspiel im TV - dazwischen unsere Kinder (Bella als einziges Mädchen). Ein Bild für Götter. Leider hatten wir keinen Foto dabei.

Die Strecke nach Aden gilt als die unsicherste im angeblich Piraten-verseuchten Golf von Aden. Wir hielten uns wie empfohlen 20 nm von der jemenitischen Küste entfernt in gutem Abstand zu Somalia. Die Kriegsschiff-Präsenz war beeindruckend und wir fühlten uns absolut sicher. Einmal am Morgen passierten uns drei französische Fregatten, alle in Rufbereitschaft auf Kanal 16. Erst ein paar Wochen später hörten wir in den Nachrichten von der vor Somalia gekaperten Luxusyacht.

Foto: Die Marine diverser Länder ist allzeit präsent.

Die Einfahrt nach Aden war beeindruckend. Aden liegt in einem Krater und wirkte fortschrittlicher als Al Mukalla, empfing uns aber mit der gleichen Freundlichkeit.

Foto: Einfahrt nach Aden im Abendlicht.

Wir ankerten im dicht gedrängten Ankerfeld vor dem Prince of Wales Pier, direkt vor dem berühmt-berüchtigten Seamen Club, einem Nachtclub, der uns täglich mit lautstarker Musik beschallte. In Reems Restaurant gab es wieder Grillhähnchen und das leckere Kuhfladenbrot. Alfred und Jeroen stiegen mit Hamzah, unserem - wirklich empfehlenswerten - Guide am frühen Morgen hoch zur Festung und belohnten sich mit einem herrlichen Blick über die ausgedehnte Stadt. Steffie und Lisa gingen Verproviantieren in der Aden Mall und stellten fest, dass Lulu‘s zwar ein großer Supermarkt war, aber der kleine, gut sortierte Aosan Mega Markt in Al Mukalla unseren Bedarf an Schnittkäse und Nutella besser gedeckt hätte.

Foto (Tradewind): Alfred und Hamzah frühmorgens hoch oben über Aden.

Eines Abends gingen wir (ohne Kids) mit den Crews von Uhuru, Tradewind und Llevame in den Seamen Club. Wir erlebten ein Festival der Kuriosiäten, bei dem wir uns nicht sicher waren, ob es uns wirklich gefiel. Bei lautstarker Musik, die in unseren Ohren fremd dröhnte und jede Oktoberfest-Blaskapelle in den Schatten stellte, schmissen der lokale Geldadel und fremde Sheiks im Zehn-Minuten-Abstand bündelweise mit Geldscheinen um sich, die beflissen von den Angestellten im Eiltempo aufgesammelt wurden. Gelangweile Prostituierte, dem Hörensagen nach aus Somalia, in schwarzer Abaya saßen Quat-kauend neben ihren Kunden, lokale Tänzerinnen tanzten auf Anordnung unter anderem auf den Tischen, der Whiskey floß in Strömen. Auf der Tanzfläche hüpften jemenitische Männer in Wickelrock, Kopfbedeckung und breitem Gürtel mit Dolch-Schaft (der Dolch muss am Eingang abgegeben werden) sowie weiß gekleidete Sheiks zusammen mit ein paar Gay-Boys im Takt der Musik umher. Wir blieben beim lange außerboots vermissten Bier, das es hier gab, und ergaben uns der Szenerie.

Der Ankerplatz lag direkt in der Einfahrtsroute zum Containerhafen. Eines Tages übten die Bugsier-Boote mit ihrer Wasserspritze und wir trauten unseren Augen nicht: Die Kids der Verena und der Tradewind fuhren mit dem Dinghy direkt in die Linie der übenden Boote, die teilweise ziemliche Wellen verursachten. Mit Schaudern sahen wir die vier in dem wackeligen Dinghy; die schlimmsten Bilder vor unseren Augen: kentern durch Wellen oder ein Schuss Wasser ins Boot, Überfahren werden etc. Doch wieder einmal erfuhren wir jemenitische Gastfreundschaft. Statt die Kinder schimpfend aus der Schifffahrtsstraße zu vertreiben, wurden sie heran gewunken und von der Mannschaft fotografiert. Unsere Standpauke traf logischerweise anschließend auf wenig Gehör.

Zum Abschied liefen wir noch gemeinsam mit Hamzah durch den Bazar im Ortsteil Crater. Er zeigte uns besondere Dinge wie eine Art Kleiderräuchergestell, um die Kleidung mit gutem Duft einzuräuchern, frischen Tabak und neben vielem anderen auch nette kleine Küken, ein paar Tage alt und eingefärbt. Es kam, wie es wohl kommen musste: Harry und Hedwig zogen in einen alten Hamsterkäfig der Tradewind. Hedwig, das Küken unserer Kids, wurde quasi dort in Pflege gegeben. Die Bezahlung sollte gegen die irgendwann zu erwartenden Eier erfolgen. Hamzah schleppte uns dann auch noch ins Fotostudio, um auf eigene Kosten ein Erinnerungsfoto zu schießen, mit unseren neuen Holzpaddeln, die uns ein Schreiner anfertigte, und den beiden Küken.

Foto: Die Küken werden für knapp 1 Euro als Kinderspielzeug verkauft.

Gemeinsam mit Tradewind fuhren wir los ins Rote Meer. Kurze Zeit später erhielten wir über Funk die traurige Nachricht, dass unsere beiden Küken in der Nacht verstorben seien. Wir wurden schon gewarnt, dass die meisten krank seien und nicht lange leben würden, so waren wir vorbereitet. Nichtsdestotrotz hätten wir sie gerne aufgezogen und später an Land gegen Fisch eingetauscht. Tradewind organisierte schließlich für die armen Viecherl ein ordentliches Seebegräbnis und wir legten eine Trauerminute ein.

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Wir können es kaum glauben: Um die 10 Orcas begleiten uns für gut eine halbe Stunde auf unserem Weg von den Malediven nach Yemen, ca. 40 nm von Socotra entfernt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Bella mit Hedwig (gelb) und einem unbekannten Küken.