Sudan

25. März bis 5. April 2008. Tja, was soll man schreiben, über ein Land, indem wir offiziell gar nicht waren? Sudan ist mehr oder weniger ein Durchgangsrevier auf dem Weg ins Mittelmeer, ein Land, das zu bereisen zumindest uns kaum einfiele, wären wir nicht mit dem Segelboot unterwegs in einem Meer, dessen gefürchtete Nordwinde lange Passagen unbequem machen und uns nach möglichst vielen Ankermöglichkeiten suchen lassen. Die östl. Küste des Roten Meeres wollten wir nicht hochsegeln, da sie zu Saudi-Arabien gehört und nicht-muslimische Segler dort nicht gerne gesehen sind. Im Westen bestand dagegen die Möglichkeit, sich langsam hochzuarbeiten von Ankerplatz zu Ankerplatz, von Eritrea über Sudan bis nach Ägypten - hunderte von Seemeilen, in denen eine unangenehme, steile Welle, oft 35 kn Wind und ein penetranter Wüstensand unsere häufigen Begleiter waren.

Sowohl unsere Freunde von der „Tradewind“ als auch wir hatten noch ausreichend Diesel, sodass wir weder in Massawa, Eritrea - vor allem nachdem wir von einigen Seglern gehört hatten, dass sie dort uneingeladene Besucher an Bord hatten - noch in der alten, sudanesischen Hafenstadt Suakin oder in Port Sudan zwingend stoppen mussten. Gemeinsam nahmen wir Kurs von den Hanish Islands im Jemen auf Khor Nawarat, einer großen Bucht im Sudan. Die Sonne im Rücken, Steffie vorn am Bug mit der polarisierenden Sonnenbrille auf der Nase, tuckerten wir langsam zu unserem Ankerplatz. Die Begrüßung hätte nicht passender ausfallen können: Wie „Lawrence von Arabien“ ritt ein Beduine mit seinem Dromedar den Strand entlang. Doch wie kam er auf die Insel?

Die riesige Bucht Khor Nawarat mit seinen kleinen Inseln war ein Muschel-Eldorado. Die Einheimischen sammeln wohl die Muscheln zum Verkauf und lassen die Schalen am Ufer liegen. Wohl keinen kommerziellen Zweck hatten die Hunderte von Glühlampen, die sich überall am Strand fanden -  vermutlich eine an Land gespülte, verloren gegangene Schiffsladung. Neben „Tradewind“, das Boot voller frischem Fisch, trudelten nach einer Weile auch Felix und Monika von der „Makani“ ein. „Verena“ wurde kurzerhand zum Partyboot und wir feierten Jeroens Geburtstag in geselliger Runde mit leckerer Fischsuppe von Sascha.

Innerhalb des Riffs, das über weite Teile der sudanesischen Küste verläuft, hangelten wir uns von Ankerplatz zu Ankerplatz. Viele Marsas kamen leider für die „Verena“ nicht in Frage, zu schmal, zu flach oder zu wenig. Nach 15 Uhr stand die Sonne zu tief für eine Ansteuerung, die Korallen links und rechts der oft schmalen Einfahrten waren nicht mehr zu sehen, deshalb mussten wir genau vorausplanen. Früher als geplant frischte der Wind wieder unangenehm auf und unser Boot schlug krachend in die Welle. Tradewind ging es nicht anders und wir entschieden uns zum Stopp. Es kam nur Muhammad Qol in Frage. Wir waren unsicher, ob wir es wagen sollten. Nomaden sollten dort sesshaft geworden sein, Militär anwesend, und wir hatten nicht einklariert. Prophylaktische Schadensvermeidung wegen der rauen See und eine seekranke Besatzung machten die Wahl einfach. So hatten wir unseren ersten Kontakt mit Sudanesen. Wir wurden freundlich empfangen und durchs Dorf geführt. Keiner fragte uns nach einem Cruising Permit. Die Menschen waren arm, doch keiner bettelte. Ungefragt wühlten wir dennoch durch unsere Boote und brachten Kleidung, Flipflops, Lebensmittel und Medikamente für den Dorfarzt.

Fotos: Dorfszene in Muhammad Qol, Sudan (oben), Alfred mit Sharif, dem englisch sprechenden Security Officer.

Sobald der Wind einigermaßen akzeptabel erschien, segelten wir weiter. Die Zeit drängte, wir mussten nach Norden. Wir hatten terminliche Verpflichtungen in der Türkei, „Tradewind“ in Ägypten. Die sudanesischen „Marsas“ schneiden sich wie Fjorde in die meist relativ flache Sandwüste. Wind und Sand fegen eine gelbe Schicht über das Boot, doch man liegt ohne Schwell sicher bis das nächste Wetterfenster Hoffnung auf eine Weiterfahrt macht. Tatsächlich erreichten wir dieses Mal unser geplantes Etappenziel ohne ungeplanten Zwischenstopp: Khor Shinab, ein riesiger Fjord, der sich mindestens eine Seemeile in die Landschaft schnitt. In Khor Shinab ergaben wir uns dem besonderen Charme der Eintönigkeit und spazierten stundenlang über fossile Muscheln, unzähligen Zeugen vergangener Zeiten, als der Meeresspiegel viele Meter höher lag. Am Ufer zogen ab und an Kamel-Karawanen vorbei und nachts sah man die langen Lichter der LKWs von der nahen Küstenstraße, die von Ägypten durch den Sudan bis nach Eritrea führt.

Foto: Khor Shinab, Sudan, ist ein Eldorado für Freunde fossiler Muscheln.

Foto: Fossile Muscheln, Korallen und Schnecken zu Tausenden.

Noch einige Male erschwischte es uns mit gut 30 Knoten, statt der angesagten 15. Sechsmal stoppten wir im Sudan. Leider war das Wasser recht trüb. Erst in der letzten Bucht, der Marsa Umbeila, bekamen wir einen ersten Eindruck von der schönen Korallenwelt.

Mittlerweile wunderte es uns auch nicht mehr, dass die Yachtversicherungen das Rote Meer aus ihrem Schutz ausschließen. Die Riffe haben es in sich. Ohne des guten Crusing Guides „Red Sea Pilot“ von Morgan & Davies hätten wir uns im Roten Meer wirklich wesentlich schwerer getan. Die Ankerplätze waren gut beschrieben und glichen die Defizite der Seekarten aus. Unsere elektronischen Seekarten waren zwar relativ genau, aber eben nur relativ. Einige zehn Meter Versatz können in dieser Gegend mit den vielen Riffen unangenehme Folgen haben. Die Marsas und Khors lagen alle im Westen und konnten nur sicher angelaufen werden, solange die Sonne noch hoch genug am Himmel stand. Die Einfahrten waren oft recht eng und links und rechts zog sich das Riff entlang. Bei gutem Licht war es gut zu sehen, aber eben nur bei gutem Licht. Kam man zu spät, war man auf die Hilfe derer angewiesen, die bereits sicher lagen und meterweise ihre elektronisch aufgezeichnete Route durchgaben. Auch bei der Ausfahrt am sehr frühen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, war die vorher aufgezeichnete Route eine gute Hilfe. Langschläfer, wie manchmal auch uns, bestrafte das blendende Licht und wir mussten uns meterweise auf der alten Route nach draussen tasten. Unser Vorausecholot, bislang kaum genutzt, kam hier zu neuen Ehren.