Ägypten

7. April bis 26. April 2008. Unsere „Segler-Bibel“ für das Roten Meer, der Red Sea Pilot, überschlug sich nicht gerade mit positiven Bemerkungen über Ägypten. Baksheesh (= Zwangstrinkgeld) sei an der Tagesordnung und wir Segler würden bürokratiegeplagt und kräftig zur Kasse gebeten. Wir stimmen dem zu, allerdings mit der Einschränkung, dass dies alles für uns erst ab Suez galt. Als wir in Port Ghalib eintrafen, wunderten wir uns noch über den schlechten Ruf. Alle waren freundlich in dem künstlich angelegten Areal, das einmal in der Endausbaustufe Massenurlaub für alle Klassen aus der Retorte versprechen soll. Trotz des Las-Vegas-Flairs mochten wir die Marina mit ihrer netten Promenade. Es gab endlich wieder Bier im TGI Fridays, im Hotel gegenüber konnten die Kinder den Pool benutzen und das Einklarieren in Ägypten ging ohne Probleme. Die Marina-Mitarbeiter waren allesamt sehr freundlich, aufmerksam und erstaunlich flexibel. „Kein Problem“, hieß es, als „Tradewind“ bei uns längsseits ging, anstelle in den einige hundert Meter entfernten Marinabereich für die Segelboote zu fahren (der für uns wg. unseres Tiefgangs nicht  in Frage kam). Und so lagen wir am Hauptkai, direkt neben den riesigen Motorbooten der Tauchsafari-Anbieter.

Foto: Angriff auf zuviel optische Perfektion im Reißbrett-Ferienidyll: Tradewind und Verena mit flatternder Wäsche am Hauptpier in Port Ghalib.

Wir fanden es schön hier, nicht einmal der Staub von den Baustellen rund um die Marina störte uns, nur die vielen Fliegen. An Sand hatten wir uns die letzten Woche ausreichend gewöhnen können. Leider mussten wir weiter, wenige Tage vor dem großen Spektakel, das hier angekündigt war. Speedboat-Rennen, Konzert, Eröffnungsfeier, alles das fand ohne uns statt.

Foto: Wie Mini-Spaceshuttle sahen die Rennboote aus.

Zuerst sollte sie wohl nicht sein, die Weiterfahrt. Tradewind war angesichts günstiger Windvoraussage bereits eine Stunde vor uns ausgelaufen, wir lagen noch am Tankpier und fragten mal nach, wie es denn da draußen so  sei, wettermäßig. Jeroen: „Seid Ihr noch im Hafen?“ Steffie: „Ja“ „Bleibt, wir kommen zurück.“ Auch hier zeigte man sich flexibel und nach gut 2 h lagen beide Boote wieder am selben Platz als wären sie nie weg gewesen. Nur beim nächsten Mal wollte man es uns dann nicht so einfach machen. Als wir um Mitternacht unser Auslaufen ankündigten, hieß es plötzlich: „Die Küstenwache ist dagegen“. Schließlich sei Tradewind schon einmal zurückgekommen, vielleicht sei es zu gefährlich, nachts auszulaufen und wir sollten bis morgens warten. Schließlich konnten wir den jungen Mann aber doch überzeugen, dass es weit gefährlicher sei, in der Nacht durch das Korallenriff in die Kiriazi Marina zu fahren und er ließ uns dann doch ziehen.

Die Kiriazi Marina in Safaga war unser nächster Stopp, den wir ohne die ausdrückliche Empfehlung von  Trans-Ocean-Stützpunkt in Safaga nicht angelaufen wären. Hier nochmals vielen Dank an Tom von Toms Diver House, der den Stützpunkt betreibt und uns vorab viele wertvolle Infos gegeben hat, und auch an Bea und Herbert von der SY Constellation, die ebenfalls in Kiriazi liegen. Die Kiriazi Marina ( 26°50’.162 N – 33°57’.302 E) ist keine offziell betriebene Marina. Kanal 16 wird nicht abgehört. Wir fuhren einfach rein und waren willkommen. Bea und Herbert bereiteten uns ein höchstwillkommenes Geschenk zur aktiven Reduktion unserer nicht willkommenen Mitsegler: vier wunderbare Fliegenfallen - und zum Abschied eine Luxor-Weisse. Ausserdem halfen sie uns Diesel zu tanken, zu etwa 0,30 ct/l anstelle der 115 ct/l in Port Ghalib.

Foto: Welch‘ Gegensatz zum Mittelmeer - eine Marina fast für uns allein.

Die Marina gehört zum Interconti Hotel Abu Soma und die Hotel-Anlage steht den Gästen der Marina zur Verfügung. Unsere Kids waren in ihrem Element: Kids Club, Swimming Pool - sie waren kaum gesehen. Alfred und Jeroen gingen tauchen, Sascha und Steffie schnorcheln, das erste Mal im Roten Meer. Wir waren begeistert und hätten es noch länger ausgehalten, wäre da nicht der Zeitdruck, der uns nach Norden trieb.

Da die Grib-Files, ansonsten relativ zuverlässige Wetterdaten, unserer Erfahrung nach im Roten Meer eher dem Blick in die Glaskugel gleichzusetzen sind, mussten wir trotz positiver Prognose zweimal in der Nacht einen Stopp einlegen. Die Ansteuerung unbekannter Ankerplätze in der Nacht und nächtliche Ankermanöver lieben wir besonders.

Schließlich landeten wir in Suez und mit der Liebe zu Ägypten war es bald vorbei. Captain Heebi von unserem Agenten Prince of the Red Sea half uns beim Anlegen am Pontoon und brachte uns eine riesige Schachtel voller Kuchen vorbei, anschließend wurden wir noch mit Eiscreme versorgt - das zum Thema „gesundes Frühstück“. Überhaupt können wir gegen den Agenten wenig sagen. Der Transit war gut organisiert, er hielt sich an die Abmachungen und wollte auch kein Baksheesh - im Gegensatz zu allen anderen, mit denen es wir zu tun hatten.

Wir fuhren von Suez aus nach Kairo. Schließlich hatte keiner von uns bisher die Pyramiden gesehen. Alfred, Lisa, Kilian u. Isabell quetschten sich den engen Gang hinunter, um eine kahle, leere Grabkammer zu besichtigen. Steffies Platzangst schützte sie davor, aber nicht von den penetranten Andenkenverkäufern, die sich -  einsames Opfer! - zwischenzeitlich auf sie stürzten.

Foto: Pflichtprogramm für Ägyptenbesucher - und damit auch für uns.

Als Steffie hörte, dass es einen Carrefour Supermarkt in Kairo gab, wurden zum Leidwesen unseres Guide, den verlorenen Baksheesh der um ihre potentiellen Kunden gebrachten Touri-Destinatinen vor Augen, alle anderen Aktivitäten gecancelled. Kampfshoppen war angesagt. Endlich wieder schönen Käse und Salami (plus Bier aus der Backskiste) für eine anständige Brotzeit. So rüsteten wir uns gut genährt der Kanaldurchfahrt. Apropos: Ernährung. Wer hätte das gedacht: Im Red Sea Hotel, neben dem Suez Canal Yacht Club, gab es zwar kein Bier, aber ein herrliches Wiener Schnitzel. Sogar Kilian, der normalerweise als Pseudo-Vegetarier durch‘s Leben schreitet, verputzt ein ganzes.

Drei Boote zwei weitere Boote sollen mit uns durch den Kanal: die deutsche Santa Maria und die tschechische Karya. Ob die Piloten wirklich so fordernd sind, wie in dem Segelführer beschrieben? Der erste dieser smarten Jungs steht am Pier. Er soll auf Karya, ein 8 m kleines Segelboot. Gut zwei Stunden später steigt er auf „Verena“. Smart wie er war hatte er das größere Trinkgeld gewittert und flugs seinem unwissenden Kollegen das kleinere Boot zugeschanzt. So hatten wir wohl den Prototypen an Bord. „Schneller, schneller“, versuchte er Alfred trotz bereits 9,5 kn Geschwindigkeit zum Gasgeben zu animieren und quittierte ein „Nein“, mit „Security first“, was auf der gesamten Passage zu seinem Mantra werden sollte, nur unterbrochen von der steten Mahnung doch mehr Gas zu geben oder dem ebenfalls mindestens einmal pro Minute vorgebrachten Selbstlob „Good Pilot! Best Pilot!“. Bei seinem Nachmittagsgebet kämpfte Steffie mit der Versuchung, ihn statt zum Teppich im Saloon in den Motorraum zu schicken; Deckel zu und fertig.

Entsprechend von ihm unterstützt wurden wir auch beim Anlegen in der Marina in Ismailia, die zwar Bojen und einen Pier hat, aber keine Hilfe, welche die Leinen durch die tief liegenden Bojenösen zieht. Steffie wollte ihn schon den Mast hochziehen, hätten wir nicht die Zeit für das Anlegen benötigt. Die tatkräftige (und nicht wortgewaltige) Unterstützung anderer Segler half uns schließlich an den Steg. Dort lagen wir dann zwei Tage. Die eintägige Pause verursachten zwei Kriegsschiffe, die den Kanal passierten. Da wir als Freizeitfahrzeuge quasi als potentielle Terroristen gelten, mussten wir in der Marina bleiben, so die Erklärung. Am nächsten Morgen klopfte es um 6.30 Uhr morgens. Alfred klettert schlaftrunken heraus. „Sind Sie der Pilot?“ Schüchtern nickte er und gab uns noch eine halbe Stunde, bis wir schließlich ablegefertig waren. Die Boote vor uns mussten schon um 4.30 Uhr aus den Federn, hörten wir. Da hatten wir ja noch Glück! Überhaupt entschädigte uns Ahmed für den unangenehmen ersten Teil der Passage.

Foto: Ahmed, unser Super-Pilot in der letzten Hälfte des Suez-Kanals.

Ein Traum-Pilot! Kein „schneller, schneller“. 7 Knoten waren ihm genug. Keine Forderungen oder Trinkgeldverhandlungen. Er nahm, was er bekam, zählte nicht einmal nach und sagte „Danke“. So geht es also auch.

Nachmittags erreichten wir Port Said - und fuhren daran vorbei. Good bye Ägypten, die Türkei ruft.